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Nicht erst seit den publikumsträchtigen Wallfahrtsgängen eines Hape Kerkeling (Schauspieler, Entertainer) und des niederbayerischen Fernsehmoderators Dietmar Gaiser nach Santiago de Compostela im nordwestlichsten Spanien scheint „Pilgern“ und „Wallfahren“ eine neue Form persönlicher Bewegung zu werden.

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Die nachfolgenden 12 Beiträge aus dem Raum des „Ostbündnisses“ beweisen dies auf unspektakuläre Weise. Ihnen geht es nicht um vermarktbare Neuentdeckung oder gar Selbstinszenierung, sondern um alte, aber bis heute lebendige Pilgerwege und Wallfahrtsstätten, die wieder bekannter werden sollen und ein großes Forum verdienen. Es geht um Wissen und Bewahren dieser Wege sowie um ein neues Bewusstsein beim gläubigen Gehen, aber nicht weniger um die pure Freude am „Unzeitgemäßen“, am Gegenteil vom Lauten und Schnellen, Flüchtigen und Wichtigen. – Und das sozusagen „vor der Haustür“, zumindest für die Einheimischen, wenn auch alle auswärtigen Besucher zum Sehen und Gehen herzlich eingeladen sind.

Freilich: Wenn der gelehrte Volkskundler auch gerne zwischen großer „Pilgerschaft“ im Sinne mittelalterlicher Fernwallfahrt nach Rom, Jerusalem und Santiago de Compostela einerseits, der „Wallfahrt“ als Wallfahrtsstätte wie auch als Gang andererseits, oder der bloßen „Votivstätte“ unterscheidet, möge man den Autoren den synonymen Sprachgebrauch nachsehen. Sie beschreiben und schildern, jeder aus eigener Erfahrung und aus der geschichtlichen Kenntnis seines engeren Heimatraumes heraus. Das zeichnet den gesamten Auftritt aus: Man hat keine Fremdautoren geholt und bleibt bewusst bei einfacher Sprache für unkomplizierte Zusammenhänge, aber bei genauer Beobachtung.

Zu beobachten galt es, wie unsere Menschen, ob alt oder jung, seit jeher die Andachts-, Votiv- und Wallfahrtsstätten ihres Landstrichs ins Leben einbeziehen, was nichts anderes meint, als zu diesen „herausgehobenen Orten der Verehrung“ hinzugehen, ob einmal oder jährlich, ob allein in besonderem Anliegen, mit Freunden, Familie oder in größerer Gruppe.

Haben die Leute vor dem Motorenzeitalter ihre Bründlkapellen, Kircherl und mächtigen Wallfahrtsorte wie Maria Dorfen und St. Wolfgang meist in Leid und Not oder aber in tiefem Dank für Heilung und Errettung aufgesucht, so kam in neuerer Zeit das Interesse am kurzweiligen Wandern in stimmungsvoller Landschaft mit vorgegebenem Ziel hinzu, wie überhaupt ein neues Empfinden für den Zusammenhang von Natur und Kultur und das Entdecken heimatlicher „Kleinräume“. Es sind durchwegs die Kleinräume, denen nachfolgend das Interesse gilt. Die meisten Wege liegen bei 2 – 4 km, alle unter 10 km, so dass nicht nur der zünftige Wanderer angesprochen ist.

Erdinger Holzland und Isental mit seinen quirligen Nebenbächen und Randgemeinden sind traditionsreiches, bäuerlich geprägtes Siedlungs- und Kulturland. Zweifellos markieren darin die Wallfahrtskirchen und –orte Maria Thalheim, Dorfen, St. Wolfgang, Frauenornau und Ranoldsberg das unten beschriebene Gebiet. Alle fünf Gnadenstätten schauen weit zurück in die Geschichte und haben Tausende, wenn nicht Abertausende bedrängter, aber auch froher Menschen erlebt.

Auffallen wird, dass vier dieser fünf „Zentren“ der Gottesmutter geweiht sind und sie damit für die Heilsuchenden die mächtigste Fürsprecherin war und ist. Aber auch die „Volksheiligen“ St. Leonhard und Sebastian – neben dem alten Wolfgangsheiligtum in der Schwindau – sind Ziele der gläubigen Bevölkerung.

War einst der angerufene Himmelspatron das Ziel von Wallfahrtsgang und Prozession, ist heute für viele Geher der Weg selbst gleichsam das Ziel. Einerlei: Beide Aspekte vermögen die 12 versammelten Schilderungen zu beleuchten, und sie fordern „zum Studieren“, mehr noch, zum eigenen Erleben auf.

von Albrecht A. Gribl